Wappen und Siegelstempel des Directoriums in publicis et cameralibus
Das Directorium in publicis et cameralibus (1749-1761) war der Vorläufer der Böhmisch-Österreichischen Hofkanzlei und die zentrale Regierungsstelle für alle inneren Angelegenheiten der österreichischen Erbländer.
Der hier gezeigte Siegelstempel, der ohne Umschrift dem ebenfalls gezeigten Wappen in Farbe entspricht, diente als Beglaubigungsmittel für die schriftlichen Urkunden dieser Zentralbehörde. Das Siegel gehört zusammen mit Titel und Wappen zu jenen drei herrscherlichen Symbolen, die auf vielfältige Weise zur Anwendung kommen. Abgesehen von seiner Bedeutung als Beglaubigungsmittel, kann man aus dem Siegel dynastische Beziehungen, tatsächlichen Besitz von Gebieten, aber auch politische Ansprüche oder Erinnerung an Verlorenes herauslesen. Das Wappen bzw. Siegel stellt das große Majestätssiegel Maria Theresias dar: Der mit einer Königskrone bekrönte Wappenschild ist auf die Brust eines Reichsadlers gelegt, der von der stilisierten Kaiserkrone überhöht wird; um den Adler kreisförmig herumgelegt sind weitere Länderwappen. Die 42 auf dem Siegel angebrachten Länderwappen zeigen die geographische Spannweite der habsburgischen Machtsphäre. Die genealogischen Veränderungen sind in der untersten Reihe des Schildes erkennbar: die angeheirateten Lothringischen Wappen. Bemerkenswert ist auch der Doppeladler als Symbol des Reiches, der hier von Maria Theresia geführt wird. Der Reichsadler stand eigentlich nur Kaiser Franz I. Stephan zu, der in den Erbländern nur Mitregent war. Maria Theresia führte als Gemahlin des Kaisers ab 1745 den Titel einer Kaiserin und ab 1765 den Titel Kaiserinwitwe und dokumentiert diese Stellung in ihrem Wappen.
Im Herzschild ist der rot-weiß-rote Bindenschild als zentrale Botschaft zu verstehen: Das Haus Österreich, um das sich die Erbländer scharen. Gleichzeitig wird damit auch die dynastische Stellung, die hiermit zum letzten Mal mit diesem Stammwappen gezeigt wird, symbolisiert. Schon 1765, nach dem Tod von Franz I. Stephan, wird dem Bindenschild der von Lothringen und Toskana gespaltene Schild an die Seite gestellt. Die Familie Habsburg, die im Mannesstamm erloschen war, hatte sich auch im Namen zu Habsburg-Lothringen erweitert.
Der Schild ist in vier Reihen gegliedert: erste Reihe: Spanien (geviert: Kastilien, Leon, Aragon, Sizilien), Ungarn (alt u. neu), Böhmen, Dalmatien, Kroatien, Slawonien und Bosnien; zweite Reihe: Burgund, Schlesien, Brabant, Lombardei, Steiermark, Kärnten und Krain; dritte Reihe: Mähren, Burgau, Ober- und Niederlausitz, Habsburg, Siebenbürgen, Flandern und Tirol; vierte Reihe: Jerusalem, Lothringen, Toskana und Bar. Im Kreis um den Adler, oben rechts: Parma, Geldern, Schwaben, Kiburg, Zutphen und Flandern, oben links: Mantua, Luxemburg, Württemberg, Pfirt, Görz und Elsaß.
Umschrift: +MARIA THERESIA D(EI) G(RATIA) ROM(ANORUM) IMP(PERATRIX) GER(ERMANIAE) HUNG(ARIAE) BOH(EMIAE) DAL(MATIAE) CROA(TIAE) SLAV(ONIAE) REG(IS) AR(CHIDUX) AUS(TRIAE) DUX BURG(UNDIAE) S(UPERIORIS) & I(NFERIORIS) SIL(ESIAE) STYR(IAE) CARIN(TIAE) CARN(IOLAE) MAR(CHIO) S(ACRI) R(OMANI) I(MPERII) MOR(AVIAE) BURG(OVIAE) S(UPERIORIS) & I(NFERIORIS) LUS(ATIAE) COM(ES) HABS(BURGI) FLAN(DRIAE) TYR(OLIS) & GOR(ITIAE) ETC.+
Dieses Wappen kann auch in Natura besichtigt werden. In luftiger Höhe unterhalb des Dachfirstes des Verwaltungsgerichtshofes (früher: Böhmisch-Österreichische Hofkanzlei) in der Fütterergasse, im Ersten Wiener Gemeindebezirk.
Signatur: Haus-, Hof- und Staatsarchiv, Siegel- und Typarsammlung Nr. 235 und HausA Titel und Wappen 1 Konv. 3, fol. 82
Michael Göbl