04.03.2010
Gabriele Heinisch-Hosek: "Es ist ein Diskriminierungsbericht" (in "NEWS")

Zu den Daten des neuen Frauenberichts: "Da müssen die Alarmglocken schrillen"

News: Im Vergleich mit Johanna Dohnal zu bestehen ist schwer, oder?

Gabriele Heinisch-Hosek: Es ist schön, dass wir so viel über sie reden, und sehr traurig, dass wir das tun weil sie verstorben ist. Was sie in 16 Jahren Regierungsarbeit geleistet hat ist ganz schwer nachzumachen, das ist klar. Manches kann ich finalisieren, und auf Aktuelles wie die Krise muss man immer neu reagieren.

News: Sie werden im Sommer nach 15 Jahren den ersten Frauenbericht vorlegen. Was lesen Sie aus den Daten?

Heinisch-Hosek: Es ist wichtig, nach 15 Jahren wieder gesammelt zu beleuchten, wie sich die Lebens-, Arbeits-, Wirtschafts- und Bildungssituation der Frauen verändert hat. Und da sehen wir: Frauen haben in Bildung aufgeholt und die Männer überholt und sind mehr berufstätig denn je. Aber eine Zahl hat sich so gut wie nicht verändert: die der Beteiligung der Männer daheim, also an Hausarbeit, Kinderbetreuung, beim Lernen mit den Kindern, bei der Pflege von Angehörigen. Das alles erledigen Frauen nach wie vor zu zwei Dritteln.

News: Was heißt das für Sie?

Heinisch-Hosek: Dass wir da die Schraube ansetzen müssen. Die Männer machen es sich zu bequem. Es gibt fortschrittliche Männer, aber viele begreifen noch nicht, dass sie es sind, die die Spielregeln nicht einhalten. Frauen wollen weiterkommen und werden daran gehindert: weil Kinderbetreuungsplätze fehlen, weil die gläserne Decke so dick ist, weil die Männer einfach den Platz nicht freigeben und sich zuhause nicht beteiligen.

News: Das ist der Befund. Und die Therapie?

Heinisch-Hosek: Freiwillig geht es nicht, also braucht es zwei gesetzliche Maßnahmen: erstens die verpflichtende 40-Prozent-Quote für Frauen in Aufsichtsratsfunktionen.

News: Darüber reden Sie schon seit einem Jahr.

Heinisch-Hosek: Eben. Da habe ich vor allem Ablehnung gehört. Ich werde dem Koalitionspartner einen Stufenplan vorlegen. Mit positiven Anreizen ist es nicht gegangen. Zuckerbrot allein genügt nicht. Für einige braucht's die Peitsche: Das ist die Quote. Und die zweite "Peitsche" ist, dass Betriebe verpflichtet werden, die Durchschnittsgehälter von Frauen und Männern offenzulegen: anonym und einsehbar für die Betroffenen, Betriebsrätinnen, Betriebsräte und die Gleichbehandlungsanwaltschaft.

News: Dann muss es auch Sanktionen geben, oder?

Heinisch-Hosek: Wir können uns das zwei oder drei Jahre im Probebetrieb anschauen. Wenn es nicht funktioniert, muss es Sanktionen geben. Es geht übrigens auch in der SPÖ nicht ohne Sanktionen: Es gibt die Frauenquote, aber es passiert nichts, wenn sie nicht eingehalten wird. Ich verhandle gerade darüber, welche Sanktionen wir einführen werden. Zum Parteitag im Juni wird es den entsprechenden Antrag geben.

News: Der Frauenbericht zeigt also, dass Frauen in den letzten 15 Jahren noch mehr unter Druck geraten sind.

Heinisch-Hosek: Man müsste sagen: Es ist ein Diskriminierungsbericht. Obwohl Frauen besser geworden sind, hat sich für sie nichts verbessert. Da müssen für alle die Alarmglocken schrillen, nicht nur für die Frauenministerin.

News: Also haben Frauenministerinnen nichts erreicht?

Heinisch-Hosek: Man muss mit der Meinung aufräumen, die Ministerin wäre für alles alleine zuständig. Sie muss aufmerksam machen, sich einmischen, einfordern. Aber die Verhältnisse ändern - das müssen alle Verantwortlichen: Wirtschafts- und Sozialminister, Sozialpartner, aber auch die Unternehmen selbst. Es ist eine Frage der Gerechtigkeit, und die geht alle an.

Interview wurde geführt von: Tessa Prager