Andreas Hofers letzter Brief an Erzherzog JohannTragwald, 26. Jänner 1810
Andreas Hofer wurde am 22. November 1767 im Südtiroler Passeier-Tal geboren. Der „Sandwirt“ kam als Wein- und Viehhändler durch ganz Tirol, er war Hauptmann der Passeirer Schützen und gewann das Vertrauen von Erzherzog Johann; mit dessen Einverständnis trat er 1809 an die Spitze des Tiroler Freiheitskampfes gegen die französisch-bayerische Fremdherrschaft.
Nach der Niederlage Österreichs im Dritten Koalitionskrieg gegen Frankreich war Tirol 1805/06 dem Königreich Bayern unterstellt worden. 1809 rief Andreas Hofer zum Widerstand auf und übernahm das Kommando über die Tiroler Schützen, die am 25. und am 29. Mai das französische Berufsheer am Bergisel besiegten. Nach dem Waffenstillstand von Znaim besetzten französische Truppen erneut Tirol, worauf der von Andreas Hofer einberufene allgemeine Landsturm am 13. August die Franzosen zum dritten Mal am Bergisel besiegte. Vom 15. August – 21. Oktober regierte Andreas Hofer von der Innsbrucker Hofburg aus das Land Tirol.
Nach der verlorenen vierten Bergiselschlacht am 1. November 1809 musste er flüchten, er versteckte sich auf der Pfandler-Alm oberhalb von St. Martin im Passeier, von wo aus er zur Fortsetzung des Widerstands gegen Franzosen und Bayern aufrief. Zwei Tage, bevor am 28. Jänner 1810 gefangen genommen wurde, diktierte Andreas Hofer einen letzten Brief an Erzherzog Johann. Er wurde in die Festung Mantua gebracht, wo er vor ein französisches Kriegsgericht gestellt und am 10. Februar 1810 auf Befehl Napoleons erschossen wurde. 1823 entwendeten Tiroler Offiziere seine sterblichen Überreste, die daraufhin in der Innsbrucker Hofkirche beigesetzt wurden.
Zitat: AT-OeStA/HHStA StK Vorträge 184, Konv. 1810 März, fol. 127 a+b
Ernst Petritsch
Transkription
AnS[ein]e K. K. Hochheit den ErzherzogJohan--------------------------------------------------Tragwald, d[en] 26ten Jäner a[nno] 1810Mein Herz, welches stets zu S[ein]er K. K. Hochheit (den das ganze Tirol ihren Vater nennet) das Zutrauen hatte, fliehet auch itzt dahin und wartet, da es ohnehin in Meern der Traurigkeit und Trübsallen versenket ist, ob es erhöret wird oder hin sich versenken muß, allwo es itzt Tage und Nächte mit banger Erwartung durchwandert. Nicht jene Traurigkeit wegen meinem Hab und Guts Verlurst, und meinem Weib und Kindern (welche mit mir in einem öden Stall auf einer Alpe wegen den betränkten Gemüthe und harten Joche, welches meine viel-geliebtesten Mitbrüder schwer drüket, flehen und unzählige Seufzer dem gerechten Gott schicken) feßelt mich, sondern die wehmüthige Stimme und das immerwährende Wort „ach! welches Elend!“ machet meine Selle betrübt, die vor Linderung dieses betränkten [bedrängten] Joches nicht fröhlich seyn wird: Denn auf Haus Oesterreichs Zuspruch und Hoffnung, Ihre Heere in unserem Lande als Vertheidigungs-Mitbrüder zu zählen, sprach ich meinen Waffen Brüdern zu, „Haus Oesterreich verlaßt uns nicht …“, und aus diesem Grunde ruften wir im Tonner der Kanonnen und kleinen Geschütz:
„auf, auf, Brüder und lustig! der edlen Religion und dem sanften Scepter Haus Oesterreichs zu Lieb!“Ja selbst der Spruch feindlicher Mächte herschet in Tirol: Tiroler Tapferkeit ist die Ursach Oesterreichs so langer Bestandheit, und unserer Truppen Schwachheit, sie, diese Feinde wünschen Tiroler Herzen an sich zu binden, und drohen, dem edlen Haus Oesterreichs gewogene Tiroler seine Hüt[t]e über sein Haupt einzuäschern und ihn seiner Güter und Lebens zu berauben, wenn er Oesterreich nicht vergessen will; und doch erschüttert er sich nicht, er erschröket nicht, und spricht: alles für Gott und Haus Oesterreich … ja wenn sich unter Tiroler Vertheidigern einige befanden, die Muthlos wurden, so sprach ich Ihnen Muth zu mit diesen Worten: bald werden wir Oesterreichische Truppen bey uns sehen, und so wurde der Zaghafte wieder getröst, grif zu den Waffen und stritt ohne Rast.Aber nun - ach Leider, Gott! - muß ich als Lügner vor meinen Brüdern stehen, zu Schanden vor allen werden, und nichts anders wartet mir als die Fluchreden in das Kühle Grab: Du bist die Ursach unsers Unglücks, aber auch dieses wollte ich gerne ertragen; nur das strenge Gericht Gottes, wo ich Rechenschaft über meine Untergebene werde ablegen müßen, befürchte ich,
weil bey dieser feindlichen Regierung nicht nur allein das Zeitliche, sondern auch das ewige verlohren ist, nehmlich die Sellen so vieler Tausenden, die durch allerhand Laster und Sünden nun Opfer des Teufels werden; und aus diesen Grunde, da ich zwar ohnehin nicht sicher nach Oesterreich kommen könne, fällt es mir schwer, Tirol zu verlassen. Daher wenn S[ein]er K. K. Hochheit wie auch S[ein]er K. K. Majestät d[em] Kaiser von Oesterreich an Tirol gelegen ist, wenn Sie unser Blut für Oesterreichs Bestandheit annehmen wollen, so bitte ich in Nahmen aller gut gesinnten Tiroler, uns nur eine kleine Hilfe an Truppen zu senden, und ich werde nach Kräften meine gut gesinnten Mitbrüder (welche täglich zum Streiten bereit sind und Ruhe [Frieden] wünschen) in Waffen haben, und vereint mit Oesterreichs Heere zu streiten, den Feind zu schlagen, mich wie zuvor bemühen. Nur bitte ich: Hilfe, Hilfe, das Uibrige wird Anton Wilt und Kristian N. mündlich überbringen, welche ich absendete, doch eine eigene Handschrift von S[ein]er Majestät dem Kaiser oder K. K. Hochheit Erzherzog Johan zu erhalten, damit ich gewiß weiß, wie es um Tirol stehet, denn die von mir abgesandten Courire kommen als meine wahren
Freunde wieder zu mir zurük. Dieses bitte ich auch desgleichen dem würdigsten Generalissimus Erzherzog Karl zu übersenden, und zu bitten, daß er mir als einen Unbekannten verzeihe, daß ich auch Ihn um Hilfe anflehe, uns Tiroller nicht zu verlassen, denn auch wir wollen Oesterreich nicht vergessen und alle Kräften nach Möglichkeit zum Streiten anspannen.Desgleichen bitte ich auch, unser geliebtesten Kaiserin und Muter Tirols davon zu verständigen, daß Sie uns als ihre Kinder, wie ihre Frömmigkeit ohnehin bekannt ist, in ihren Gebeth einschließe, denn auch wir werden Sie nicht vergessen, sondern ihr zu Lieb den letzten Tropfen Blut vergiessen und Sie lieben bis an das End, wie eine Mutter Ihre getreuen Kinder.
Der arbme verlassne Sinder Andre Hofer
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