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Gusenbauer im Interview: "Pech ist auch ein Fehler"
Der scheidende Kanzler Alfred Gusenbauer hat seine Partei überfordert, bereut weder dies noch sonst etwas und freut sich auf die "Götterdämmerung".
Kleine Zeitung: Herr Bundeskanzler, das wird kein leichtes Gespräch für uns. Sie legen in den Abschiedsinterviews den Panzer nicht ab, geben ungern Gefühle preis, sagen nur: Die ÖVP war´s.
Gusenbauer: Ich kann der Erwartung überschwänglicher Trauer und Selbstbezichtigung nicht entsprechen. Das spielt´s nicht. Ich weiß seit Juli, dass ich früher oder später aus diesem Büro ausziehe, bin 48 und beginne einen neuen Lebensabschnitt. Mehr Pathos kann ich nicht bieten.
Kleine Zeitung: Gewöhnliche Menschen siedeln mit Bananenschachteln, wie siedelt ein Bundeskanzler?
Gusenbauer: Da sind normale Kartons herumgestanden, in die ich die Bücher, die mir gehören, geschlichtet habe. Ich habe mich von allen Mitarbeitern hier verabschiedet. Die Stimmung war sehr herzlich.
Kleine Zeitung: Hätten Sie sich diese Zuneigung auch von Ihrer Partei gewünscht?
Gusenbauer: Wer ist die Partei? Jeden Tag rufen mich Bürgermeister oder Funktionäre an und sagen, ein Wahnsinn, wieso gehst Du schon, können wir etwas tun für Dich, magst nicht im Jänner zu unserem Ball kommen? Und daneben gibt's halt die Landeshauptleute, die an ihre nächsten Wahlen denken, und sich abwenden, wenn es auf Regierungsebene nicht rund läuft. Dann wird die Luft immer dünner.
Kleine Zeitung: Wann haben Sie erkannt, dass die Luft zu dünn wird?
Gusenbauer: Ende Mai war klar, dass das nicht mehr geht. Dass es eng wird in der Partei, die ÖVP ihre Wahlkampfvorbereitungen forciert. Mir war klar: Wenn jetzt nicht Fundamentales geschieht, ist es aus. Die Doppelspitze war der Versuch, Luft zu gewinnen. Der eine sollte sich mehr um die Befriedung der Partei, der andere sich um die Regierung kümmern.
Kleine Zeitung: War das auf Dauer angelegt, oder war klar, dass das nur eine Zeit lang funktionieren kann?
Gusenbauer: Meine Überlegung war, schauen wir, wie das bis zum Parteitag funktioniert. Die Doppelspitze war für die ÖVP mit ein Grund, das Bündnis zu beenden. Davor hatten sie immer mich ins Sperrfeuer genommen, zwei gleichzeitig war schwieriger.
Kleine Zeitung: Peter Huemer meint, die SPÖ habe Sie nie ins Herz geschlossen, Werner Faymann schon.
Gusenbauer: Wenn es so ist . . .
Kleine Zeitung: . . . ist es so?
Gusenbauer: Ich habe dieser Partei einiges zugemutet an inhaltlicher Neuausrichtung, so wie ich mir eine moderne Sozialdemokratie vorstelle. Da hat es dann logischerweise nicht nur ungeteilte Zustimmung gegeben.
Kleine Zeitung: Wo, glauben Sie, haben Sie die SPÖ überfordert?
Gusenbauer: Ich habe die Partei vermutlich 2006 nach dem Bawag-Debakel überfordert. Ich war der Meinung, dass sich die Spitzen der Gewerkschaft auf ihre ureigenste Arbeit konzentrieren sollten und die Partei auf die parlamentarische. Das haben viele als Tabubruch empfunden, als Versuch, die gewerkschaftliche Macht zu beschneiden. Ohne den Schritt hätten wir aber die Wahl 2006 nie gewonnen.
Kleine Zeitung: Faymann hat die Lösung der SPÖ aus der Umklammerung der Gewerkschaft rückgängig gemacht. Jetzt sitzt der ÖGB-Chef sogar in der Regierung.
Gusenbauer: Es ist eine andere Zeit. Ohne den Schulterschluss mit der Gewerkschaft und den Pensionisten, den Kernschichten, wäre das Wahlergebnis 2008 nicht zu erreichen gewesen. Im Übrigen ist nicht nur die Gewerkschaft in der Regierung vertreten, sondern auch die Wirtschaftskammer. Es ist vernünftig in einer Zeit, da soziale Spannungen zu befürchten sind, beide Sozialpartner nah einzubinden.
Kleine Zeitung: Ist es nicht eher so, dass die Sozialpartner die Regierung ganz nah an ihre Brust nimmt?
Gusenbauer: Jetzt gibt es eben dieses Modell, von dem ich versuche, ihm Vorteile abzugewinnen. Mein Modell war ein anderes.
Kleine Zeitung: Ihr Ex-Pressesprecher schreibt in einem Buch, dass Sie 2006 eine Minderheitsregierung planten.
Gusenbauer: Es stimmt, dass ich zu Heinz Fischer gesagt habe, dass sich die Republik von der ÖVP nicht in Geiselhaft nehmen lassen darf und dass man etwas anderes machen muss, wenn die ÖVP nicht verhandeln will. Ich habe gesagt, dass dann eine Minderheitsregierung am klügsten wäre. Der Bundespräsident hat klar gemacht, dass seine Priorität eine stabile Regierung sei, und dass man sich dafür noch Zeit nehmen solle.
Kleine Zeitung: Wäre die Minderheitsregierung aus der Sicht der SPÖ die aussichtsreichere Option gewesen?
Gusenbauer: Ich räume ein, dass es aus heutiger Sicht vielleicht die ertragreichere Variante gewesen wäre. Andererseits kann ein Bundespräsident ja nicht Hasardeur spielen und sagen, ihr habt zwar keine Mehrheit im Parlament, aber macht's jetzt einfach, weil's lustig seid's.
Kleine Zeitung: Machen Sie sich Vorwürfe, wenn Sie zurückblicken?
Gusenbauer: Man kann immer darüber reden, was man anders machen hätte können, aber ehrlich gesagt: Was hätte ich mir vorzuwerfen? Dass ich manchmal flottere Bemerkungen gemacht habe als andere, das bin ich halt.
Kleine Zeitung: Beim Parteitag in Linz haben Sie sich entschuldigt für Fehler, unter denen "ihr und ich" gelitten haben. Welche Fehler waren das?
Gusenbauer: Die Anhänger einer Partei wollen immer gewinnen. Dafür muss die Grundmelodie auf Bundesebene stimmen. Daher schauen alle dorthin und haben Erwartungen. Und dann passiert Ungemach, das ausweglos ist und Ohnmacht zurücklässt.
Kleine Zeitung: Meinen Sie die Pensionserhöhung, die dann keine war?
GUSENBAUER: Als wir sie im Oktober verhandelt haben, war sie ordentlich. Als sie zu Jahresbeginn in Kraft getreten ist, hat sie die gestiegene Inflation aufgefressen. Meine eigene Mutter hat mich angerufen und geklagt: Du Alfred, du hast im Herbst gesagt, ich krieg' eine ordentliche Pensionserhöhung, die ist aber sehr bescheiden ausgefallen!
Kleine Zeitung: Auch das war also kein Fehler, sondern Pech.
Gusenbauer: Pech ist auch ein Fehler.
Kleine Zeitung: Fühlen Sie sich verkannt?
Gusenbauer: Ich hadere nicht mit meinem Schicksal. Ich war acht Jahre Parteivorsitzender. Ich bin in zwei Nationalratswahlen gegangen und habe bei beiden um 36 Prozent erreicht. Das ist mehr als so mancher andere. Wir haben die SPÖ von der Opposition wieder in die Regierung geführt. Wir haben in Salzburg und der Steiermark Landtagswahlen gewonnen, die die Partei zuvor noch nie gewonnen hat. Wir haben einen von der Sozialdemokratie nominierten Bundespräsidenten durchgebracht. So schlecht hat es das Schicksal nicht mit mir gemeint.
Kleine Zeitung: Hat Werner Faymann eine Fähigkeit, um die Sie ihn beneiden?
Gusenbauer: Man kann uns nicht vergleichen. Sein Vorzug ist, dass er außerordentlich kommunikativ und gut vernetzt ist. Er war im Stande, in kurzer Zeit die Partei hinter sich zu einen.
Kleine Zeitung: Hat die Freundschaft darunter gelitten, dass er Ihnen die Macht entzogen hat?
Gusenbauer: An jenem 7. Juli sind Sepp Pröll und Willi Molterer zum Frühstück gekommen und haben mitgeteilt, dass sie Neuwahlen wollen. Danach haben Werner und ich uns in das Zimmer nebenan gesetzt. Ich habe ihm gesagt, dass es aussichtsreicher ist, wenn er Spitzenkandidat ist. Und dann: So, jetzt gehen wir hinüber ins Präsidium und teilen das allen mit.
Kleine Zeitung: Sie haben gesagt, wenn man ständig Angriffen ausgesetzt sei, würde man sich einen Panzer zulegen und unsensibel. War das so?
Gusenbauer: Ich glaube nicht, dass ich unsensibel geworden bin.
Kleine Zeitung: Bestätigen Sie mit den Antworten nicht das, was Ihnen viele vorhalten: Hochmut, mangelnde Bereitschaft zur Selbstkritik.
Gusenbauer: Nennen Sie mir einen Fehler und dann bin ich gerne bereit, ihn einzugestehen.
Kleine Zeitung: Sie haben mehrere Jobangebote. Welche Schlüsselqualifikation bringen Sie mit?
Gusenbauer: Ich bin ja zum Glück auf der Welt ein bisschen herumgekommen und es ist ja nicht so, dass alle Staatschefs, die ich im Laufe der Jahre getroffen habe, plötzlich nicht mehr mit mir sprechen wollen. Das Netzwerk ist ein Kapital. Dann spreche ich noch gebrochen Deutsch und die eine oder andere Fremdsprache.
Kleine Zeitung: Sie müssen sich jetzt nicht mehr ideologisch rechtfertigen, wenn Sie einen Schluck Barolo nehmen.
Gusenbauer: Das war mir, ehrlich gesagt, schon vorher egal.
Kleine Zeitung: Worauf freuen Sie sich?
Gusenbauer: Auf den 8. Dezember, da schaue ich mir in der Staatsoper "Götterdämmerung" an.
INTERVIEW:HUBERT PATTERER, EVA WEISSENBERGER
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