26.11.2008
Interview mit Bundeskanzler Gusenbauer in der ZiB 2

Österreichische Rundfunk (ORF):
Heute Abend habe ich Alfred Gusenbauer - noch im Kanzleramt - gefragt, woran er letztlich gescheitert ist - an der ÖVP, an seiner eigenen Partei oder doch auch an sich selbst.

Gusenbauer:
Das wird die Geschichte bewerten, aber ich würde sagen, es war offensichtlich, dass natürlich durch die Blockade in der Regierung auch die Unzufriedenheit in der eigenen Partei angestiegen ist, dass die Probleme im Jahr 2008 größer geworden sind, die beginnende Weltwirtschaftskrise, die Teuerungsentwicklung und da hat sich die Bevölkerung Antworten von Seiten der Regierung erwartet. Ich habe solche Antworten formuliert, aber wir haben leider keine Einigung dazu finden können, und am Ende ist die Luft ganz einfach zu dünn geworden.

ORF: Sie haben in einem Sommergespräch - noch bevor Sie Bundeskanzler geworden sind - mal gesagt: „Man muss auch die Fähigkeit zur Selbstkritik haben und immer wieder drüber nachdenken was man falsch macht.“ Was haben Sie denn falsch gemacht?

Gusenbauer: Diese Fähigkeit zur Selbstkritik habe ich mir selbstverständlich erhalten und ist natürlich immer eine Frage ob es richtig war, so kompromissbereit zu sein wie ich das über die 2 Jahre versucht habe, oder ob man damit nicht das Gegenüber - die ÖVP - ermuntert hat noch stärker in Opposition in der Regierung zu gehen. Es ist auch durchaus berechtigt die Frage zu stellen, ob man sich durch die Kompromissbereitschaft nicht zu stark von der eigenen Partei entfernt hat. All diese Kritikpunkte sind legitim und muss man sich überlegen.

ORF: Jetzt ist aber Werner Faymann mindestens so kompromissbereit wie Sie - zumindest wirkt er so. Was kann er denn besser als Sie?

Gusenbauer: Ich glaube, es ist eine gänzlich neue Situation. Die ÖVP hat durch ihr neues Team, das sie jetzt aufgestellt hat, und geläutert durch die Wahl-Niederlage sich dazu entschlossen nun eine gemeinsame Arbeit in der Bundesregierung zu machen, keine Blockade-Politik durchzuführen, und das macht auch das Erreichen von Kompromissen einfacher und sinnvoller.

ORF: Das heißt mit der ÖVP hätten Sie es auch gekonnt?

Gusenbauer: Das werden wir leider nicht mehr erfahren, denn diese Frage stellt sich in der Praxis nicht, aber klar ist, dass eine Koalition nur dann funktioniert, wenn beide Partner wollen, und die jetzige Situation schaut eher so aus, dass mit den steigenden wirtschaftlichen Problemen, mit denen wir konfrontiert sind, sich die Frage gar nicht mehr stellt, ob die beiden Regierungspartner wollen - sie müssen.

ORF: Ihr Generalsekretär und langjähriger Weggefährte Josef Kalina, der Sie schon seit Urzeiten kennt hat gesagt, Sie hätten einen fatalen Hang zu Fehleinschätzungen und würden es meisterhaft verstehen Menschen gegen sich aufzubringen. Und viele Menschen, die Sie lange kennen und die Sie auch schätzen fragen sich öfter mal und sagen das einem auch, wie kann ein so gescheiter Mensch wie Sie gleichzeitig so ungeschickt im Umgang mit anderen Menschen sein? Haben Sie eine Antwort darauf?

Gusenbauer: Also zum einen muss ich sagen, ich lehne diese Art der Kritik völlig ab, denn die Wahrheit besteht darin, dass ich - selbst bei denen, die es nicht immer gut mit mir gemeint haben - versucht habe eine gute Zusammenarbeit zu pflegen. Wenn es mir gelungen ist im Jahr 2006 die Wahlauseinandersetzung zu gewinnen, dann hat es vor allem auch damit etwas zu tun gehabt, dass ich kreuz und quer durchs Land gezogen bin und im intensiven Kontakt mit der Bevölkerung geworben habe und daher auch diese Zustimmung bekommen habe, die doch weit über 35 Prozent gewesen ist, und ich würde sagen, dass man nicht jede Art der unberechtigten Kritik gleich zum Nennwert nehmen sollte.

ORF: Es gibt ein Interview-Buch mit Ihnen und da zitieren Sie drin sehr zustimmend einen Satz aus der Französischen Revolution der da lautet: „Die Koalition der Mittelmäßigkeit bringt das Genie aufs Schafott.“ Jetzt müssen Sie nicht aufs Schafott, sondern nur raus aus dem Kanzleramt, aber fühlen Sie sich bestätigt?

Gusenbauer: Also erstens bezeichne ich mich nicht als Genie, zweitens ist die Zeit des Schafotts vorbei, aber der wahre Hintergrund dieses Satzes ist natürlich der, dass es Diejenigen, die voran gehen neue Ideen formulieren, auch das Risiko nehmen, dass ihre Ideen nicht immer und überall auf die gleiche Zustimmung stoßen. Dass die natürlich in einer viel exponierteren Situation sind, und dass Diejenigen, die sichs in der zweiten Linie bequem machen, Diejenigen sind, die meistens auch politisch länger leben.

ORF: In diesem Interview-Buch erzählen Sie auch, dass Sie immer schon Politiker und Staatsmann werden wollten. Jetzt sind Sie mit 48 der jüngste Ex-Kanzler der Republik - jetzt brauchen Sie einen neuen Traumberuf. Was wird’s denn?

Gusenbauer: Das wird sich zeigen. Jetzt werde ich einmal die nächsten Wochen ausspannen, ich habe die letzten 8 Jahre mit Volldampf und mit großem Einsatz und mit großer Leidenschaft gearbeitet, jetzt gibt’s einmal eine Pause, und irgendwann im Februar werde ich meine Tätigkeiten wieder aufnehmen, und werde eine neue Etappe im Buch meines Lebens aufschlagen.

ORF: Sie sind gelernter Politiker, Sie haben sogar Politik studiert und Sie haben beruflich noch nie was anderes gemacht - jetzt gibt es das Gerücht, Sie werden Generalsekretär der Sozialistischen Internationale - stimmt das?

Gusenbauer: Herr Wolf, ich weiß nicht das wie vielste Gerücht, das bereits ist, über das was ich zukünftig machen werde. Richtig ist, dass ich weiterhin Vize-Präsident der Internationale bleiben werde, richtig ist auch, dass ich weiterhin der Präsident des Kuratoriums des Dr.-Karl-Renner-Instituts sein werde und dort mein Büro habe - beides sind ehrenamtliche Funktionen. Richtig ist auch, dass ich keine Bezugsfortzahlung in Anspruch nehmen werde und daher den Steuerzahlern nicht auf der Tasche liege, und womit ich in Zukunft mein Geld verdiene, werde ich Ihnen dann verraten, wenn es soweit ist.

ORF: Bleiben Sie hauptberuflich Politiker?

Gusenbauer: Das sieht derzeit nicht so aus.

ORF: Aber mit 48 gilt man am Arbeitsamt praktisch schon als schwer vermittelbar.

Gusenbauer: Schauen Sie Herr Wolf, ich würde sagen, Sie sollten sich vielleicht nicht allzu viele Sorgen machen, ich werde - so wie bisher in meinem Leben - mein Schicksal in die Hand nehmen und werde versuchen das Beste daraus zu machen.

ORF: Warum spannen Sie uns eigentlich so auf die Folter - wissen Sie es noch nicht?

Gusenbauer: Ich weiß alles …

ORF: Sagen Sie uns es doch.

Gusenbauer: … und als Privatperson steht es mir in Zukunft frei, das zu sagen was ich will.

ORF: Aber noch sind Sie Bundeskanzler.

Gusenbauer: Ja, und?

ORF: Sie könnten es uns trotzdem verraten.

Gusenbauer: Herr Wolf, Ihre Unternehmung ist sinnlos.

ORF: Herr Bundeskanzler, vielen Dank für das Gespräch, und alles Gute

Gusenbauer: Bitte, gern. Schönen Abend.