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90 Jahre nach Gründung der Ersten Republik kann niemand, der ernst genommen werden möchte, der demokratischen Republik Österreich ihre Daseinsberechtigung absprechen und den Prozess der Nationswerdung in Frage stellen. Gewiss mag sich das in den Anfangsjahren für manche anders dargestellt haben. Und selbstverständlich sind die Auswirkungen des brutalen und grausamen Ersten Weltkriegs, den die Eliten der Habsburger Monarchie – unterstützt vom preußischen Imperialismus – vom Zaun gebrochen haben, der die europäische Gesellschaft radikal verändert hat, bis heute wirksam; auch wenn sich viele dieses Umstands kaum mehr bewusst sein können. Doch gerade die Rückschau auf das 20. Jahrhundert sollte sich eine entsprechende Lernfähigkeit angelegen sein lassen. Dann würde sich beispielsweise zeigen lassen, dass 1918 nicht nur für den einstigen "Staat, den keiner wollte", sondern vielmehr für Europa ein neuer gemeinsamer Reflexionspunkt im Sinne transnationaler Erfahrungen und Prägungen werden könnte, ja: müsste.
Vor dem Hintergrund der europäischen Integration werden Fragen wie die Migration und Integration im Habsburgerreich, aber auch der Nationalitätenkonflikt und die Gründung der Nachfolgestaaten sowie die Erodierung der jungen demokratischen Strukturen höchst relevante Geschichtsthemen. Diese könnten durchaus die vorherrschende nationalstaatliche Abgrenzung und Ausgrenzung der Nachbarstaaten aus dem österreichischen Geschichtskanon nach 1918 auflösen.
Auch die nachfolgenden sozio-ökonomischen Krisen und deren Ursachen, die jüngst wieder im Zusammenhang mit der globalen Banken- und Finanzmarktkrise in Erinnerung gerufen wurden, sollten durchaus in der Gegenwart wieder an Relevanz gewinnen. Natürlich ist mir bewusst, dass sich die Geschichte nicht wiederholt, aber bestimmte historische Fehlverhaltensweisen und Mechanismen sind durchaus in der Gegenwart wieder in negativer Form wirksam geworden, wie ein Blick in die New York Times des Jahres 1929 zeigt: Rücksichtslose Spekulanten bedienen sich durchaus derselben oder ähnlicher Methoden. Historisches Wissen hilft überdies in der aktuellen Krisenbewältigung, die sich völlig von der Unfähigkeit der großen Nationalstaaten der 20er und 30er Jahre, regulierend einzugreifen, unterscheidet.
Das Jahr 1938 und der nachfolgende nationalsozialistische Terror im Zweiten Weltkrieg und Holocaust sind inzwischen bereits nicht nur europäische, sondern internationale Erinnerungsorte geworden, die längst die Grenzen nationaler Geschichtspolitik gesprengt haben. 2008 haben wir uns nicht nur an den „Anschluss“ Österreichs an das nationalsozialistische Deutschland erinnert, sondern auch an die Kollaboration zahlreicher Österreicher. Gerade in diesem Monat sollten wir weiter an der notwendigen Dekonstruktion der selbstverliebten „Opferdoktrin“ arbeiten – durch eine selbstkritische Auseinandersetzung mit den Novemberpogromen am 9./10. November 1938 gegen Juden und Jüdinnen, wo es zahlreiche österreichische Täter und viele Zuschauer gegeben hat.
1945 wurden nur teilweise die „Lehren aus der Geschichte“ gezogen, wobei die beiden großen Parteien ein gemeinsames Ziel hatten: Die Wiederherstellung der Souveränität eines demokratischen Österreichs und die Loslösung von Deutschland. Die externen Zwänge des Wiederaufbaus, die alliierte Administration und der beginnende Kalte Krieg überwanden die durchaus bestehenden ideologischen Gräben und Konfliktzonen. Der Bürgerkrieg des Februar 1934 wurde zu einem „Burgfrieden“ umgedeutet. Der Mythos der gemeinsamen „Lagerstraße“ in den nationalsozialistischen Konzentrationslagern sollte einen Schlussstrich unter die umkämpfte Vergangenheit und die Gewalt in der Politik der Ersten Republik ziehen, während gleichzeitig die „Opferdoktrin“ die Kollaboration der Österreicher in der nationalsozialistischen Vernichtungs- und Expansionsmaschinerie auf wenige Täter reduzieren wollte. 2008 ist jedoch kein Platz mehr für derartige Geschichtsverfälschungen. Es ist unabdingbar, entlang der Bruchlinien und aus den Zäsuren unserer Geschichte zu lernen. Nur dann ist man in der Lage zu verstehen, was passiert ist. In den vergangenen neun Jahrzehnten wurden in Österreich Fähigkeiten entwickelt, wurde Unmögliches möglich gemacht. Das Österreich von 1918 war ein Staat, „den keiner wollte“. Heute sind wir das viertreichste Land Europas. Wir leben in einer großen international starken Gemeinschaft, sind eng mit unseren Nachbarn verflochten, wir haben eine stabile Währung, Zukunftsperspektiven und Chancen. All diese Errungenschaften schützen allerdings nicht vor den fortgesetzten Versuchen einer Geschichtsklitterung durch Ewiggestrige und der unsäglichen Verharmlosung von Unrecht und Verbrechen. Daher ist es heute mehr denn je wichtig, Grenzen zu erkennen und zu ziehen, wo es notwendig ist. Mitunter ist das schmerzhaft und kann dazu führen, dass man sich der Gefahr aussetzt, unpopulär zu sein. Aber dann sind wir der Wahrheit verpflichtet, die einfach nicht relativiert werden darf. Österreich (und Europa!) muss gleichzeitig ein Ort der Erinnerung und der Wahrheitsfindung sein wie ein Ort der konsequenten Weiterentwicklung in Richtung Weltoffenheit, Modernität, Geschichtsbewusstsein und Lernfähigkeit.
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