Nach dem Zerfall der Donaumonarchie entstand die Republik Österreich als wirtschaftlich schwacher und politisch zerrissener Kleinstaat, an dessen Überlebensfähigkeit gezweifelt wurde. Auf wissenschaftlichem und kulturellem Gebiet jedoch war das kleine Österreich eine weit über seine politische Bedeutung hinausgehende internationale Größe. Eine große Zahl hervorragender KünstlerInnen und WissenschaftlerInnen prägte das vielfältige Geistesleben der Ersten Republik, dem durch den Nationalsozialismus ein jähes, gewaltsames Ende bereitet wurde. Der Neubeginn nach dem Ende der Herrschaft des Nationalsozialismus war von einem gewaltigen Aderlass an kulturellem und geistigem Potenzial gekennzeichnet.
Chirurg Anton Eiselsberg, 1860-1939
Große Bildansicht Portrait Anton Eiselsberg (öffnet in neuem Fenster)
Auf dem Gebiet der Wissenschaft wurden in der Zeit zwischen 1918 und 1938 von österreichischen Forscherinnen und Forschern großartige Leistungen erbracht, die ihren Ausdruck in acht österreichischen Nobelpreisen fanden.
Die Wiener Medizinische Schule errang Weltruf. Neben drei Nobelpreisträgern für Medizin (Julius Wagner-Jauregg, Karl Landsteiner und Otto Loewi) traten noch andere bedeutende Mediziner hervor. Um nur einige Beispiele zu nennen: Der Chirurg Anton Eiselsberg war Wegbereiter in der Magen- und Darmchirurgie, Lorenz Böhler gilt als Begründer der modernen Unfallchirurgie und der Kinderarzt Clemes Pirquet setzte neue Maßstäbe für eine moderne Ernährung.
Dem Begründer der Psychoanalyse, Sigmund Freud, blieb die universitäre Anerkennung Zeit seines Lebens versagt. Im Oktober 1934 wurde ihm gemeinsam mit elf anderen Privatdozenten mit Berufung auf die Altersgrenze das Erlöschen seiner Lehrbefugnis mitgeteilt. Mehrmals - unter anderem 1937 von Julius Wagner-Jauregg - wurde er zum Nobelpreis vorgeschlagen. 1938 mußte er emigrieren. Neben Sigmund Freud, dessen tiefenpsychologische Lehre weltweite Anerkennung fand, gründete dessen Schüler Alfred Adler eine eigene Schule, die Individualpsychologie. Viktor E. Frankl, der die dritte Wiener Psychotherapeutische Schule, die Logotherapie, begründete, überlebte das Konzentrationslager und wirkte nach dem Zweiten Weltkrieg in Österreich und den USA als hochgeschätzter Universitätsprofessor und international gefragter Vortragender. Er, der die Schrecken des Konzentrationslagers am eigenen Leib erlebt hatte, setzte sich für Versöhnung ein und lehnte kollektive Schuldzuweisungen stets ab.
Eigenhändig verfasster Lehrplan Sigmund Freuds, 21.1.1885
Große Bildansicht Lehrplan Sigmund Freuds (öffnet in neuem Fenster)
Ausführliche Bildbeschreibung
Eigenhändig verfasster Lebenslauf Sigmund Freuds, 21.1.1885, Seite 1
Große Bildansicht Lebenslauf Sigmund Freuds, Seite 1 (öffnet in neuem Fenster)
Eigenhändig verfasster Lebenslauf Sigmund Freuds, 21.1.1885, Seite 2
Große Bildansicht Lebenslauf Sigmund Freuds, Seite 2 (öffnet in neuem Fenster)
Der Wiener Kreis, eine international bekannte philosophische Denkschule, sowie Ludwig Wittgenstein mit seinem weltberühmten Werk "Tractatus logico-philosophicus" zählten ebenfalls zur geistigen Elite der Zwischenkriegszeit.
Im Gegensatz zum Wiener Kreis stand der "Vordenker" des Ständestaates, Othmar Spann, dessen antimarxistisches, antiliberales und antidemokratisches Denken vom Ständestaat als Untermauerung seiner Programmatik herangezogen wurde.
Die Schule der Wiener Volkswirtschaftslehre, beispielsweise vertreten durch Carl Menger, war richtungweisend für die moderne Marktwirtschaft. Besonders hervorzuheben ist auch der Soziologe und Volkswirtschaftler Joseph Alois Schumpeter.
Als Vertreter des überaus regen und weit über die Grenzen Österreichs hinaus bedeutsamen geistigen Lebens der Ersten Republik ist noch Karl Popper zu nennen, der mit seinen philosophischen Arbeiten den „Kritischen Realismus“ begründete.
Auch prägten bemerkenswerte Frauen die Erste Republik: Käthe Leichter, die große Sozialdemokratin und Verfasserin sozialwissenschaftlicher Studien oder Rosa Mayreder, Kulturphilosophin, Schriftstellerin und Feministin. Mit Marie Jahoda hatte Österreich eine Sozialforscherin von internationaler Bedeutung.
Das geistige und wissenschaftliche Leben der Ersten Republik, dessen Wurzeln in der Donaumonarchie liegen, konnte sich trotz der politische Zerrissenheit und aller wirtschaftlichen Probleme dieser Tage entfalten und eine weit über die Grenzen des kleinen Staates hinaus Anerkennung und Bedeutung erlangen.
Passzettelkarteiblatt vom 13. August 1934, angelegt anläßlich einer Reise Max Reinhardts nach Nordamerika
Große Bildansicht Passzettelkarteiblatt vom 13. August 1934 (öffnet in neuem Fenster)
Die Literatur der Zeit zwischen 1918 und 1938 war jene Kunstgattung, die sich am vielfältigsten entwickelte.Besonders hervorzuheben sind Franz Kafka, Robert Musil, Franz Werfel, Joseph Roth, Stefan Zweig, Hugo von Hofmannsthal, Ödön von Horvath, Hermann Broch, Egon Friedell, Karl Kraus, Alfred Polgar, Heimito von Doderer, Manés Sperber, Elias Canetti, sowie Arthur Schnitzler, Anton Wildgans, Theodor Kramer und Josef Luitpold Stern.
Das Theaterleben der Ersten Republik fand nicht nur auf den drei großen Wiener Bühnen der damaligen Zeit, dem Burgtheater, dem Deutschen Volkstheater und dem Theater in der Josefstadt, statt, sondern auch auf Kabarett- und Kleinkunstbühnen oder in Theatern in Salzburg und Graz.
1920 riefen Max Reinhardt und Hugo von Hofmannsthal die Salzburger Festspiele ins Leben.
Die österreichsche Theaterkultur der Zwischenkriegszeit wurde von Schauspielerpersönlichkeiten mitgetragen, deren Namen bis heute unvergessen sind: Paula Wessely, Attila und Paul Hörbiger, Ewald Balser, Rosa Albach-Retty, Alma Seidler, Raoul Aslan und viele andere.
Die durch die tristen wirtschaftlichen und sozialen Verhältnisse schwer geprüfte Bevölkerung fand in den Kinos für einige Stunden eine heile Fantasiewelt, die sie Not und Elend der Zeit vorübergehend vergessen ließ. Auch beim österreichischen Film waren Persönlichkeiten am Werk, deren Namen von internationaler Bedeutung sind: Fritz Lang, Otto Preminger, Josef von Sternberg oder Billy Wilder.
Arnold Schönberg revolutionierte mit seiner Zwölftonmusik, die sich beim österreichischen Publikum erst nach und nach durchsetzen konnte, die Musikwelt.
Oper und Operette erlebten in der Ersten Republik eine wahre Blüte. Franz Lehar, Emmerich Kalman, Ralph Benatzky und Robert Stolz trafen mit ihrer Musik den Geschmack eines breiten Publikums.
Plan des neuen Festspielhaus von C. Holzmeister, 1956
Großartige Künstler wie Oskar Kokoschka, Herbert Boeckl, Albin Egger-Lienz, Anton Kolig oder Albert Paris Gütersloh repräsentieren die österreichische Malerei der Ersten Republik.
Anton Hanak, in dessen monumentalen Großplastiken der Mensch in Mittelpunkt steht, war der bedeutendste Bildhauer Österreichs in der Zwischenkriegszeit.
Die Architektur dieser Zeit brachte mit Adolf Loos, Richard Neutra und Clemens Holzmeister international anerkannte Vertreter hervor.
Margarete Schütte-Lihotzky, die als erste Frau in Österreich ein Architekturstudium absolvierte, entwickelte die "Frankfurter Küche", die weltweit richtungsweisend für den Bau moderner Einbauküchen wurde.
Die große Anzahl der hier genannten Vertreterinnen und Vertreter des österreichischen Kulturlebens der Ersten Republik soll vor Augen führen, wie reich Österreich an hervorragenden KünstlerInnen und WissenschaftlerInnen war. Auf Vollständigkeit kann jedoch bei weitem kein Anspruch erhoben werden.
Nach der Machtübernahme der Nazionalsozialisten im März 1938 wurden unzählige Kulturschaffende vertrieben oder ins Konzentrationslager verschickt. Viele hatten Österreich schon vorher verlassen. Darunter waren alle Nobelpreisträger, Komponisten, eine große Anzahl von Theater- und Filmleuten, Maler, Bildhauer, Wissenschaftler verschiedenster Fachrichtungen. Besonders die Literatur erfuhr einen gewaltigen Aderlass an ihren besten Kräften.
Das menschliche Leid, das der Nationalsozialismus über Verfolgte und Vertriebene brachte, ist unermesslich. Der Verlust, den Österreich in Wissenschaft, Kunst und Kultur erlitt, war unwiederbringlich. Nach 1945 kehrten nur wenige von denen, die den Nationalsozialismus überlebt hatten, aus der Emigration nach Österreich zurück.